Über Blockaden, das Streichen von Szenen, und warum man in einer Buchreihe manchmal in frühere Bände zurückkehren muss.

Heutige  Themen: Schreibblockaden überwinden, Überarbeiten,

 

Zukünftig möchte ich auf meiner Website nicht nur buchige News mit euch teilen, sondern auch hin und wieder meinen Schreibprozess offenlegen. Im Gespräch mit meinen KollegInnen kommen wir immer wieder drauf: Jeder arbeitet unterschiedlich und alle Wege führen irgendwie nach Rom. Trotzdem gibt es immer wieder Denkanstöße, die anderen helfen können, vor allem, wenn sie eigentlich nicht richtig wissen, woran das Problem liegt (Was in meinem Fall zu Schreibblockaden führt, da sich das Schreiben nicht richtig anfühlt).

 

Irgendwie steckt’s!

Momentan bin ich wieder hardcore am Überarbeiten (ja, ich bin eine Autorin, die sich traut, solche ollen Wörter wie Hardcore in ihren legeren Texten zu verwenden). Nachdem ich bei Band 3 meiner momentan Trilogie „Black Alchemy“ nicht so recht vorangekommen bin, obwohl ich davon überzeugt war, bereits die gesamte Handlung zu kennen, musste ich zuerst einmal herausfinden, woran es hakt. Die Handlung steht, aber die Charaktere kommen nicht so recht in Gang, ich schreibe Szenen, streiche sie, schreibe sie neu … alles fühlt sich hölzern an und kommt nicht in den Fluss. Ich habe in den letzten zwei Monaten sicherlich schon über 100 Seiten geschrieben und wieder gestrichen. Meine Erfahrung hat gezeigt: Ein fließender Text kann nicht erzwungen werden, jedes Puzzleteil muss sich automatisch ans andere fügen. Alles andere wird ein hässlicher Hybrid, ein Frankenstein-Monster, zusammengestückelt und irgendwie unrund. Ich merke es jedes Mal, wenn ich es lese, und die LeserInnen merken es daher garantiert auch.

Quelle: https://www.dailymail.co.uk/news/article-3550330/

Gut, wir sind also an dem Punkt angelangt, wo wir wissen, dass etwas nicht stimmt. In meinem Fall kam die Rettung dadurch, dass ich einen meiner LeserInnen, der bereits Band eins und zwei gelesen hatte, einfach dermaßen gespoilert habe, dass er entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlug und rief: „Ich dachte, dein Protagonist kann es nicht mehr schlechter erwischen.“ (Kann er doch.) Er machte mich allerdings auch auf einen fehlerhaften Plotpunkt aufmerksam, der sich als absolut kritisch für die Geschichte erwies – und den ich in der Form nicht bedacht habe.

Gott sei Dank kam mir im gleichen Moment eine zündende Idee. Die eine Erkenntnis trug quasi eine andere herbei, wie eine Flut, die nach langer Trockenphase durch ein Bachbett rauscht. Was aber eine Änderung der Geschichte mit sich bringt, ist weniger den Inhalt der bisherigen – meine Idee fügte sich ziemlich exakt in das bisherige Schema – sondern meinerseits ein Umdenken.

Über ein Jahr habe ich bereits in der Geschichte verbracht, über 1000 Seiten mit einem Ziel geschrieben. Wenn das Ziel nun ein anderes wird, bedeutet das ein essenzielles Umdenken. Soweit, so gut. Das bedeutete für mich eines: Ich muss mich noch einmal mit dem alten Text beschäftigen, und meine Änderungen „hineindenken“.

Warum der Austausch mit anderen wichtig ist, wenn man in seiner eigenen Welt steckt

Ich habe es schon des Öfteren erlebt – AutorInnen sind mit Plot-Problemen an mich herangetreten, an denen sie verzweifelt sind – die Problematik schien für mich als Außenstehende komplett offensichtlich. Dabei muss es nicht immer einE andereR AutorIn sein, auch wenn dieser Hintergrund hilfreich ist. Oft reicht auch ein belesener Freund, oder jemand, der in einem ähnlichen Feld – Film, Buch, Theater, Rollenspiel etc. – zu Hause ist oder eine persönliche Leidenschaft auslebt. Schlussendlich funktionieren seit der römischen Antike die Spannungsbögen quasi auf dieselbe Weise. Wer dazu mehr wissen möchte, dem empfehle ich folgendes Buch von Ronald B. Tobias:

Das Verlorengehen in eigenen Rätseln

Als AutorIn sind wir quasi umgekehrte Detektive – anstatt ein Handlungsgeflecht zu entschlüsseln, bauen wir es auf. Das Entschlüsseln wird dem/der LeserIn überlassen. Haben wir unsere Sache gut gemacht, kommt es zum ausgewogenen Vermuten, Rätseln und anschließenden überrascht-Werden – dem AHA-Moment, der uns die anschließende Erleuchtung bringt: Warum habe ich das nicht sofort gesehen! Bei dem Aufbau der Überraschung hat der/die AutorIn einen schwierigen Spagat zu stemmen: Denn wenn die Lösung überhaupt nicht sichtbar war, ärgert sich der/die LeserIn über den Umstand, dass er die Lösung gar nicht hätte wissen können.

Wir konstruieren daher Rätsel so, dass sie lösbar sind, aber nicht gleich gelöst werden sollen (sonst – gähn: Langweile!). Das ist ein schwieriger Akt, und genau jener ist es, der mir meist zum Verhängnis wird. Ich knüpfe einen derart komplexen Teppich, dass ich später nicht mehr heraussehen kann, was wichtig ist. Schließlich ist meine gesamte Welt wichtig für mich. Daher: Bitte um Hilfe!

 

Hier meine Tipps, die ich mittlerweile durch jahrelanges Schreiben gesammelt habe und die mir helfen, voranzukommen.

Ich stecke: Runterbrechen auf den roten Faden und die wichtigsten Handlungslinien

  • Dialog führen, sich Fragen aussetzen

Dabei hilft es, wenn du mit deinem Gegenüber einen Dialog führst. Ermuntere ihn/sie, dir Fragen zur Handlung zu stellen. Worum geht’s? Wer sind die Protagonisten? (Brich es auf möglichst wenige Personen runter). Welche Entwicklung sollen diese bis zum Ende durchmachen? Hat er/sie sich verändert, wenn er/sie am Ende ankommt? Was ist das Ende überhaupt? Wohin sollen die Fäden zulaufen? Gibt es einen Antagonisten? Hat dieser überhaupt eine Motivation? Welche Motivation besitzt er, gegen unsere Protagonisten zu arbeiten? Was zur Hölle treibt der eigentlich so, wenn unsere Protagonisten unterwegs sind?
Oft stellen Andere just jene Fragen, mit denen wir uns noch nicht oder zu wenig auseinandergesetzt haben. Ermuntere sie, nachzubohren.

 

  • Timelines der wichtigen Protagonisten und Antagonisten anlegen

Der rote Faden spannt sich meistens zwischen wenigen Charakteren. In meinem Fall zwischen den beiden Protagonisten und ihrem Umfeld sowie dem Antagonisten. Um einen besseren Überblick zu bekommen, lohnt es sich, sich noch einmal hinzusetzen und parallel laufende Timelines anzulegen. Das ist mittlerweile sogar mit gängigen Programmen (Papyrus etc.) möglich, doch ich bevorzuge altmodisch Stift und Papier. Drösle die bisher und zukünftige Handlung auf diese Timelines auf. Findest du wo große Löcher? Was treibt der Charakter in dieser Zeit? Ist einer der Charaktere ev. ein „Scheincharakter“ – ein Charakter, den du eigentlich nur erstellt hast, damit die dir wichtigen Charaktere auf ihn reagieren können? Oder hat er eine richtige Rolle und Hintergründe? Eine Motivation?

 

  • Das Wolken-System anwenden

Prinzipiell habe ich total viele Ideen, was noch kommen soll, aber noch hundert offene Plotlines und Charaktere? Dazu wende ich das Wolken-System an: Wieder kommt ein großes Stück Papier zum Einsatz. Ich schreibe auf, was noch passieren soll, und leite davon abhängende Ideen ab. Das Ganze wird in „Wölkchen“ angelegt. Sobald ich mit einer Idee geendet habe, kommt die nächste dran – so auch noch offene Handlungsstränge und Co. Das Ganze wird zu einem Fleckerlteppich, den ich zum Schluss erst zu einem Faden zu weben versuche – indem ich die Wölkchen miteinander verbinde. Welche Handlung setzt welche voraus? Gibt es möglicherweise Plotpunkte, die sich gar nicht mehr einbauen lasse, und die ich im früheren Text streichen sollte, weil sie unnötig sind? Der rote Stift zieht eine Linie und zum Schluss habe ich eine Schlange, die mich von meinem frühesten Plotpunkt bis zum letzten führt. Sie bildet eine grobe Stoßrichtung für Kommendes.

Eine Ansammlung aus Ideen, die erst durch ihre Verbindung einen Kontext bekommen.

  • Kapitelweise mit Excel-Timelines arbeiten

Dieses System habe ich von Autorenfreundin Madeleine Puljic geklaut – bei besonders komplexen Handlungen mit zahlreichen handlungsaktiven Charakteren wende ich gern das Excel-System an. Hierbei lege ich Spalten für alle handelnden Charaktere an und teile die Handlung auf sie auf. Es ist quasi eine detailliertere Version meiner händisch gezeichneten Timeline und hilft mir extrem, die nächsten Szenen in Detail zu gliedern.

Lege für jeden Charakter und Antagonisten eine eigene Timeline an. Die grauen Felder markieren, wenn der Charakter momentan keiner Handlung bzw. keiner handlungsrelevanten Tätigkeit nachgeht.

 

Von Madeleine Puljic habe ich die „Excel“-Methode übernommen. Ihr nächstes Buch erscheint im Frühjahr 2019 bei Piper.

  • Zurückkehren zu älteren Textstellen

Ich sitze in der Gegenwart fest, alles scheint verfahren – was kann ich tun? Zurück zum Ursprung! Back to the Future! Irgendwann habe ich angefangen, und zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch, wo ich hin will. Ob nun 100 Seiten oder ein ganzes Buch – manchmal muss man sich die Vergangenheit wieder ins Gedächtnis holen. Diese Momente nutze ich auch intensiv zur Überarbeitung: Ich möchte Band 3 fertig schreiben? Ich nutze den Moment, setze mich noch einmal intensiv mit Band 2 auseinander, notiere offene Plotpunkte und oftmals auch neue Ideen, die mir bei der Überarbeitung kommen. Außerdem setze ich mich noch einmal stilistisch und inhaltlich mit dem alten Text auseinander, was niemals falsch ist. Mit einem frisch gefeilten Aufbau lässt es sich auch gleich viel leichter weiterarbeiten, sobald man zum kritischen Punkt gelangt.

  • Streichen

Mein Gott, manche AutorInnen sträuben sich wahnsinnig dagegen. Stunden sind sie gesessen, qualvoll war der Schreibprozess, und jetzt sollen sie ihre Mühen einfach so löschen? Um es mir ein bisschen leichter zu machen, schiebe ich die Szenen meist in ein separates Dokument oder auf meine Pinnwand bei Papyrus. Möglicherweise gibt es noch einzelne schöne Sätze oder ganze Absätze, die ich später verwenden kann. Meist bleiben sie aber unangetastet, die „schwierigen“ Szenen. Wenn ich beim Schreiben fast eingeschlafen bin, beim Lesen einen Hass auf jeden verschnörkelten Satz entwickle, dann heißt das meist: Neu schreiben. Beginne am Anfang. Lass gegebenenfalls einen Dialog neu starten, wenn sich beide Charaktere in eine Ecke diskutiert haben. Verändere das Setting. All das kann dazu führen, dass aus einer mittelmäßigen Szene plötzlich etwas ganz Neues entwickelt, das sich gut anfühlt.
Und ja, ich habe auch schon mal 180 Seiten im Stück gestrichen, nachdem ich nicht mehr aus einem Buch herausfand. Tut ein bisschen weh. Aber das neue Endprodukt war es wert.

 

Was ist mit euch? Habt ihr bestimmte Methoden, um euch aus einer Schreibblockade zu bringen? Gibt es Tipps und Tricks, die ihr mit anderen teilen wollt? Gerne nehme ich sie in diesen Text auf!

Kategorie: Allgemein, Schreibtheorie

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