Sind fantastische Geschichten nur für Kinder?

Was ist Fantasy? Und was kann Fantasy eigentlich?

Tatsächlich kennen Nicht-Fantasy-Leser das Genre hauptsächlich von ihren Kindern, vielleicht auch noch von den Herr-der-Ringe-Filmen. Dass es vielfältig ist und zahlreiche Untergenre besitzt, die auch für Erwachsene sehr interessant sein können, ist ihnen meist gar nicht bewusst.

Ich schreibe hauptsächlich Fantasy für Erwachsene. Das liegt nicht daran, dass Kinder- und Jugendbücher nicht auch ihren Reiz haben oder tiefgründig sein können, sondern einfach daran, dass ich mich gern im Bereich Dark Fantasy bewege.

Aber was ist Dark Fantasy?

Bei uns kommt der Begriff erst in den letzten Jahren auf. Wikipedia kennt im deutschsprachigen Bereich dazu noch nicht einmal einen Eintrag, man findet ihn nur auf der englischsprachigen Seite.

Dark fantasy is a subgenre of fantasy literary, artistic, and cinematic works that incorporate darker and frightening themes of fantasy. It often combines fantasy with elements of horror or has a gloomy dark tone or a sense of horror and dread.

Diesen Einschlag findet man bei mir vor allem in “Black Alchemy”, da das Setting ja eine magisch induzierte Zombie-Seuche im mittelalterlichen Gefilde beinhaltet. Aber für mich geht Dark-Fantasy weiter: Es geht um die Abgründe im Menschen. Darum, dass jeder zu Gutem oder Bösem fähig ist. So hat “Das Herz im Glas” zwar schwarze Magie in Form von Blutmagie zum Thema, aber die wahre Bedeutung von Bösartigkeit und Horror entfaltet sich erst durch die Agenten im Hintergrund.

Bei Tor-online habe ich vor einigen Jahren ein wunderbares Poster ersteigert, ein sogenanntes Lama-Lexikon, das eine Übersicht über diverse Fantasy-Genres bietet. (Fischer Tor bringt übrigens auch tolle Bücher raus, auch für Erwachsene, und sie haben ebendiese Website mit tollen, hochwertigen Beiträgen zum Thema Fantasy und Science Fiction. Es zahlt sich auf jeden Fall aus, vorbeizuschauen!)

Als ich versuchte habe, meine Bücher anhand dessen einzuordnen, wurde es gleich etwas schwieriger – denn oftmals verwischen die Grenzen zwischen den Genres, oder können sich sogar überlappen. So kann ein Buch gleichzeitig High Fantasy sein (in einer Parallelwelt spielen), Romantic Fantasy (mit einem hohen Romantikanteil, Fokus auf die Beziehung zwischen den Figuren), und möglicherweise ein Steampunk-Setting haben (z.B. die Legende von Korra – Parallelwelt, aber mit Steampunk-Elementen).

Dort würden meine Bücher wohl am ehesten ins Genre “Grimdark” und “High Fantasy” fallen:

“[Grimdark ist] Fantasy mit einer besonders hohen Anzahl an amoralischen, gewalttätigen Figuren, in der Regel spielen Söldner, Assassinen oder andere zwielichtige Gestalten die Hauptrolle. ALPHATIERE: Joe Abercrombie, George R. R. Martin, Mark Lawrence. MOTTO: “Krieg, meine Freunde, ist ein Ding von großer Schönheit.” (Mark Lawrence) UND DAS FUTTER? Egal, Hauptsache blutig.”

“[High Fantasy] erzählt im Anschluss an Tolkien Abenteuer in magischen Welten. Zentrales Element ist ein ausgefeiltes Worldbuilding und die Neigung, Elfen oder Zwerge auftreten zu lassen. ALPHATIERE: Bernhard Hennen, Ursula K. Le Guin, Patrick Rothfuss. MOTTO: “Es ist keine gute Geschichte, wenn kein Drache darin vorkommt.” (J.R.R. Tolkien) UND DAS FUTTER? Lembas und Miruvor

Tatsächlich wird High Fantasy noch bis heute oftmals stellvertretend als Definition für Fantasy per se genommen. Denn Tolkien hat einen derartigen Einfluss mit seiner Fantasy-Welt geschaffen, dass er bis heute in der Literatur nachhallt. Das zeigt sich allein schon deswegen, weil in jeder Fantasy-Abteilung bis heute Tolkien neben dem obligatorischen G.R.R. Martin steht. Die Leser suchen oftmals Bücher, die ähnlich sind wie jene, die sie kennen, als eine Fantasy-Buch “wie Herr der Ringe” oder “wie Game of Thrones”. Der Rest wird dann mit aktuellen Romanen aufgefüllt.

Warum sind Fantasy Bücher auch für Erwachsene interessant?

Fantasy wird oftmals mit Kinder-Literatur gleichgesetzt. Denn Kindern schreibt man ja ebenfalls überbordende Fantasie und das Eintauchen in andere Welten zu. Wieso ich aber Fantasy für Erwachsene so spannend finde, ist die Möglichkeit, gesellschaftliche Probleme, persönliche Ängste oder Eigenschaften nicht nur anhand der Charaktere zu zeigen, sondern eine Ebene weiter zu tragen. Die Vorstellung davon, dass Magie existiert, gibt einem als Autor unendliche Möglichkeiten. Denn Charaktere können hiermit Stärken und Schwächen besitzen, die über die körperliche Kraft und Intelligenz hinausgehen. Außerdem lassen sich durch Magie außergewöhnliche Situationen erschaffen, in denen die Charaktere ihre wahre Stärke zeigen können – oder ihre tiefsten Abgründe.

Es ist schade, dass die Phantastik heute oftmals einen schlechten Ruf genießt oder als minderwertigere Literaturform gehandelt wird. Denn dass sie die menschliche Kultur seit Jahrtausenden begleitet, ist nicht nur an den zahlreichen Sagen, Legenden und Märchen sichtbar, die bis heute ein Teil jeder Kultur sind, sondern auch an den ausschweifenden religiösen Schriften, die nichts anderes erzählen als das, was ich möchte: Eine Welt voller Möglichkeiten. Zwiegespaltene Protagonisten. Stärken und Schwächen von Menschen und menschlichen Wesen (Götter, Halbgötter, Propheten, Jesus). Starke Gefühle, von Liebe, Hass, Angst, Eifersucht uvm.

Was ist für mich das beste Fantasy Buch 2020?

Das Jahr ist zwar noch nicht vorüber, aber eine absolute Buchempfehlung lasse ich euch trotzdem da – und zwar “Pepperman” von Camilla Bruce. Als die Autorin dieses Manuskript schrieb, wollte sie es gar nicht veröffentlichen, denn sie dachte, die Idee dahinter wäre zu schräg. Tatsächlich vereint es für mich genau das, was gutes (Dark)  Fantasy ausmacht: einen außergewöhnlich bildhaften Schreibstil, die Abgründe des Menschen und ein wahnsinnig tolles Phantastik-Konzept. Denn während des Lesens ist man sich nie sicher: Welche Welt ist die wahrhaftige? Die, die alle für die Realität halten? Oder die fantastische Welt der Protagonistin?

Dieses Buch ist nicht nur für Fantasy- und Horror-LeserInnen spannend, sondern auch für jene, die sich für die Psychologie des Menschen interessieren. Für mich eine Perle der Fantasy, die Märchen- und keltisch/gälische Sagenmotive der Feenwelt aufnimmt.

Infotext über “Pepperman”:

Wesen aus dem Wald – oder Wahnvorstellung einer Mörderin? Dies ist die Geschichte der verstorbenen Cassandra Tipp. Cassandra war erfolgreiche Autorin, exzentrische Tante – und angeklagte Mörderin. Sie hinterließ ihren Nachfahren ein Buch, das ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Pepper-Man, dem Wesen aus dem Wald, das Cassandra beschützte; eine Geschichte von blutigen Nächten und magischen Geschenken; eine Geschichte von Ehemännern aus Zweigen und Steinen. Und die Geschichte von Kindern, die im Wald verloren gingen. Oder vielleicht doch eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das im Schatten eines dunklen Waldes und furchtbarer Erinnerungen aufwuchs? Es ist deine Entscheidung, ob du Cassandras düsterem Märchen glaubst. Denn was ist, wenn uns die Vernunft nur davor schützt, die Wahrheit zu sehen? »Pepper-Man« von der norwegischen Autorin Camilla Bruce ist ein Fantasy-Roman, der geschickt mit der Frage nach unserer Einbildungskraft und dem Glauben an das Übersinnliche spielt. Die tiefen Wälder Norwegens sorgen dabei für eine magisch-unheimliche Atmosphäre.